Als ich vor einigen Jahren in die Wohnung eingezogen bin, die ich derzeit bewohne, befand sich hinten im Garten ein rundes Stück von etwa drei Metern Durchmesser, auf dem außer einer ungepflegten Forsythie nichts weiter wuchs außer dem Hundekot, dessen sich manche Nachbarn dort gerne entledigten. Der Platz der Forsythie war zuvor Standort einer Birke gewesen, die irgendwann dem Sturm zum Opfer gefallen war. Man hatte damals zwar den Baum abgesägt und beseitigt, war aber wohl zu faul sich mit der Wurzel im Boden abzumühen und überließ das fragliche Stück lieber sich selbst. Das Areal war gegenüber dem übrigen (vermosten, aber immerhin mit deutscher Verbissenheit gemähten) Rasen um einige Zentimeter erhöht, v.a., weil nach dem Verschwinden der Birke neben Hundescheiße auch Bauschutt aller Art auf die zurückgebliebene Wurzel und unter die Forsythie geschmissen worden war. Das hat jahrelang niemanden gestört.
Als ich der unförmigen Forsythie vor drei Jahren dann im Frühjahr einen modischen Kurzastschnitt verpasste, fand sich kurzerhand ein weiterer Nachbar ein um mit Hand anzulegen. Schnell war deutlich, dass mit dem Haufen Bauschutt kein Blumentopf zu gewinnen sein würde und so machten wir uns daran, diesen abzutragen - entfernten also Ziegelsteine und Betonreste, Schrauben, Nägel, Scherben und sonstigen Abfall. Anschließend ging ich daran, die Deckschicht mit einigen Säcken Blumenerde zu ersetzen und so ging es los - wir nahmen uns dieses vormals verwaisten Flecks an.
| Beginn der zweiten Saison, mit aufgebessertem Boden und bereits gut wuchernder Minze im Hintergrund. |
Über eine Dauer von drei Jahren verbesserten wir schrittweise den Boden (gerade am Anfang kam doch immer wieder neuer Bauschutt ans Tageslicht) und wir freuten uns diebisch, als nach zwei Saisons die ersten Regenwürmer im Beet zu finden waren - wir waren also auf dem richtigen Weg. Wir probierten dabei immer wieder Neues aus - ich will hier mit den Details niemanden langweilen. Nur soviel: Chemie kam natürlich keine zum Einsatz, stattdessen bedienten wir uns gut nitrierten Aquarienwassers, nahmen Kaffee, Steinmehl und Hefe, hexten bei Vollmond ab und an ein Steiner-Präparat zusammen, spendierten Starkzehrern auch mal ein Stück Fisch oder Fleisch und so weiter. An den Pflanzen konnte man immer ganz gut ablesen, was funktionierte und was nicht und so ging es voran.
Von der Bepflanzung her hatte das Stück Ähnlichkeit mit den Biodiversitätsstreifen, die man inzwischen auch in der konventionellen Landwirtschaft immer wieder mal antrifft. Es wuchsen da: Ringelblume, Schafgarbe, Kornblume, Borretsch, verschiedene Wegerich-Arten, ein ganz kleiner Waldmeister (der jedoch lieber ein schönes schattiges Stück Waldboden gehabt hätte), Minze, Echinacea purpurea in purpur, violett, weiß und gelb, ein Fenchel, Liebstöckel, Löwenzahn und eine Nessel. Alle Pflanzen eignen sich gut für einen Aufguss als Tee.
Im Folgenden ein paar Belegfotos - sorry für die Unordnung, aber die Bilderfunktion von blogger.com ist nicht die beste.
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| Kornblume - der Superstar |
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| Die Schafgarbe heißt auf Latein "Achillea millefolium" - macht Sinn. |
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| Millefolium am Morgen: geschlossen. |
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| Millefolium am Tag: bei Insekten begehrt. |
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| Echinacea in gelb. |
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| Borretsch. |
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| Echinacea in purpur |
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| Echinacea in weiß |
| Ach ja - eine Sonnenblume gab es zeitweise auch... |
| Minze in Blüte |
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| Borretsch. |
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| Man beachte, wie die Körperhaltung den Flug einer Rechtskurve andeutet... |
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| Die Ringelblumen waren bei Bienen immer sehr beliebt. |
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| Tee. |
Im letzten Jahr hatte das renaturierte Stück seine bisher beste Saison - obwohl es zunächst nicht danach aussah: An der ersten Kornblume hatten sich frühzeitig die Blattläuse ausgebreitet. Um diesen Einhalt zu gebieten, holte ich aus der Umgebung eine nicht allzu große Brennnessel, setzte sie ins Beet neben die befallene Kornblume und sammelte im Garten alle Marienkäferlarven auf, die ich finden konnte, um sie auf der Nessel zu platzieren. Da fühlten sie sich wohl und starteten von hier aus ihre Raubzüge in Richtung Kornblume. Dort gab es schließlich reichlich und lecker Frühstück, Mittag- und Abendessen.
Auch anderes Getier hatte inzwischen in dem Stück eine Heimat gefunden. Ich hatte vom Hörensagen erfahren, dass Leute in der Umgebung Amphibien, die sich vor den Kellertüren in die Regenabläufe verirrt (oder dorthin zurückgezogen) hatten, mit Chemikalien übergossen um sich ihrer zu entledigen. Um dem entgegenzuwirken und den Tieren einen sichereren Rückzug zu ermöglichen, grub ich eine Plastikwanne mit einem Fassungsvermögen von 10 Litern in das Beet ein, legte es mit Steinen aus, setzte Wasserpflanzen ein und deckte die Ränder mit Holz ab. Der Tümpel war klein, erfüllte aber seinen Zweck - die Frösche hatten eine homebase und waren vor menschlichen Übergriffen nun etwas sicherer. Plötzlich schwirrte immer wieder auch mal eine Libelle durch den Garten. Und natürlich gab es Bienen, Hummeln, Marienkäfer und und und. Außerdem hatten die Katzen in der Umgebung jetzt ein Heimkino zur Verfügung...
| Auf den 7 Quadratmetern war immer was zu gucken. |
Im letzten Jahr hörte ich dann zum ersten Mal durch die Blume, dass sich einige Nachbarn (ganztägig zuhause verweilende Hartz IV-Empfänger und Rentner) beschwert und das Beet als Schandfleck bezeichnet hatten. Der Hausmeister überlege, es zu entfernen.
Ungefähr zur gleichen Zeit hatte Pro7 eine Aktionswoche zum Schutz der Bienen ausgerufen. Ich äußerte, ich hoffe, dass man, wenn man das Beet entferne, dies doch möglichst bald tun möge, da ich dem Sender dann gerne im Rahmen dieser Aktionswoche über die sozialen Medien mitgeteilt hätte, wie das hierzulande aussieht mit dem deutschen Michel und dem Bienen- / Naturschutz.
Die Querulanten und Supergärtner vom verantwortlichen Haus- und Immobilienmakler allerdings hatten nach wie vor diesen Dorn im Auge. Musste man denn wirklich jedesmal um den Fleck herum mähen, statt einfach mal drüber zu rutschen?
Bis vor Kurzem. Die Häuser in der Umgebung werden gerade auf Fernwärme umgestellt. Das geht mit einiger Buddelei einher - der Boden wird aufgerissen, neue Rohre werden verlegt. (Dabei wurden u.a. einigen Kirschbäumen die Wurzeln gekappt.)
Die zuständige Verwaltung schlug nun zwei Fliegen mit einer Klappe - wo schon mal ein Bagger in der Nähe war, sollte auch dem Beet der Garaus gemacht werden; als Vorwand bezog man sich auf die Birkenwurzel, die ja da noch im Boden steckte und um die man sich in den Jahren zuvor nicht geschert hatte. Die sollte nun endlich entfernt werden und so kam es dann auch Ende Mai.
Jetzt hat endlich wieder alles seine Ordnung:
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| Wunderbares Beispiel deutscher Gründlichkeit, Sinnbild für die Fantasie- und Ahnungslosigkeit einiger Korinthenkacker und Kontrollfreaks |
Hier waren Leute am Werk, die keine Ahnung haben, wie viel Zeit in die Aufwertung dieses Bodens geflossen ist, den sie samt der endlich eingetroffenen Regenwürmer einfach auf den Müll geschmissen haben; Leute, die meinen, man könne alles, was man braucht aus der Gartenabteilung im Baumarkt kaufen. Leute, die weder Sinn noch Verstand dafür haben der Natur wenigstens einen kleinen Fleck in Mitten einer Betonwüste zurückzugeben. Leute, die die Natur als unsauber und unordentlich erleben, als etwas, das weggebaggert, ausgerissen, platt gemäht werden muss. Humanrassisten, die den Menschen (und davon exklusiv nur sich selbst) über alles andere erheben, was in ihrer Umgebung sonst noch kreucht und fleucht. Leute, die sich am Morgen Honig auf ihrem Toast von Penny schmieren und die anschließend raus gehen und den Bienen die Existenzgrundlage entziehen.
Angeblich will man nun einen Gärtner bezahlen um Gras über den Fleck zu säen.
Jemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten.
Mit einiger Verwunderung nahm ich am Morgen des 11.06. zur Kenntnis, dass die Grundstücksverwaltung sich bereits einen neuen Schildbürgerstreich ausgedacht hatte und diesen nun dank der Gelder ihrer Mieterschaft in die Tat umsetzen ließ: Das zwar mit deutscher Gründlichkeit gemähte, ansonsten aber schlecht gepflegte, da vermoste und von Hundepisse übersäuerte Stück Rasen vor dem Haus, so hatten sich die lustigen Pfiffikusse überlegt, sei mit ähnlichen Maßnahmen gegen Betreten zu sichern, wie das Bundeskanzleramt. Offensichtlich war es den Autokraten in Hausmeister- und Verwaltungsdiensten zu viel des Guten, dass einige Mieter sich erdreistet hatten, dieses Stück Grün als Abkürzung zu nutzen oder anderweitig mit den Füßen zu okkupieren. Derlei zivilen Ungehorsam kann man natürlich nicht durchgehen lassen - schließlich muss man zeigen, wer die Hosen anhat. (Nur ein aufgeblasenes Ego hat über Nacht genug Luft um am morgen noch aufzuwachen, oder so.) Mieter, die über den Rasen laufen? Wo kämen wir denn hin!
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| Vorher: statt im 90°-Winkel lief manch einer über das Gras |
Als ich also an besagtem Morgen den Transporter mit dem grünen Gitterzaun da stehen und zwei Arbeiter erste Löcher buddeln sah, reagierte mein Geist zunächst ungläubig: "Meinen die das ernst?" und anschließend mit Verwunderung "Was, die verwalten hier ein paar Dutzend Bruchbuden, könnten das Geld auch sinnvoll investieren und schmeißen es lieber für nen Gitterzaun raus?" Der dritte Schritt war dann Mitleid. Mitleid mit den armen Seelen, die erst auf die Idee gekommen und deren Umsetzung dann in Auftrag gegeben haben - ist doch die Nachricht, die da gesendet wird eine ach so armseelige - egal wie man es liest und deutet. "Das hier ist unser und ihr kommt hier nich rein." oder "Wir wollen nicht, dass ihr über das Gras lauft, deswegen bauen wir nen Zaun drum." oder wie auch immer. Der Zaun als erkauftes Sinnbild der eigenen Überlegenheit? Eher nicht.Egal wie man es dreht und wendet - unter dem Strich zeigen die Verantwortlichen ganz offen, dass sie sich selbst darüber definieren, wie intensiv sie ihrem Umfeld auf die Nüsse gehen können. Hier sind offenbar Leute mit einer gewissen Cowboy-Moral am Werk, die meinen ihre Mitmenschen dem Nutzvieh ähnlich in die Schranken verweisen zu können.
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| Nachher: Jetzt ist alles in Ordnung. Hier hat jemand mächtig Hirnschmalz in diese geniale Lösung investiert. |
Warum habe ich ein Problem damit, warum kümmert mich dieser bemitleidenswert kleinbürgerliche Unfug? Das Problem, das ich damit habe, ist letzten Endes dieses:
Von einem geplätteten Beet, von der Zerstörung eines unschuldigen Stücks Lebensraums für Bienchen und Blümchen und von einem lächerlichen Stück Zaun, von der Errichtung von sinnfreien Barrieren und anderen, ähnlich herrischen Aktionen, ist es nur noch ein sehr kurzer Weg, bis auf einer Parkbank keine Obdachlosen mehr übernachten dürfen.
Wie es von da an weiter geht, hat uns (also allen unter uns mit einem Rest von Verstand) die Geschichte gelehrt. Es geht um mehr als um sieben Quadratmeter Wildblumen. Es geht darum, dass sich in einigen Köpfen offenbar in den letzten 75 Jahren nichts getan hat und darum, dass manche dieser zurückgebliebenen Köpfe nach wie vor versuchen, das öffentliche Leben in diesem Land nach eigenem Ermessen zu gestalten. Gebt einem deutschen eine Uniform oder ein Amt - und sei es nur das eines Hausmeisters - und ihr zieht einen Idioten. Vielleicht kann man nichts dagegen machen, mag sein. Aber seine Meinung zu dieser Scheiße kann man sagen.
Anlässlich des Auftaktes zum NSU-Prozess mahnte die Kanzlerin vor ein paar Wochen zu Aufmerksamkeit und Wachsamkeit. Für mich fängt das nicht erst an, wenn Ausländern auf die Nase gehauen wird - es fängt viel früher an, nämlich genau dann, wenn Kleingeister (etwa aus "Verwaltung, Vermietung und Verkauf") meinen, wie auf dieser Seite beschrieben auftreten zu können. Und genau dann wird es Zeit für zivilen Ungehorsam.
Anlässlich des Auftaktes zum NSU-Prozess mahnte die Kanzlerin vor ein paar Wochen zu Aufmerksamkeit und Wachsamkeit. Für mich fängt das nicht erst an, wenn Ausländern auf die Nase gehauen wird - es fängt viel früher an, nämlich genau dann, wenn Kleingeister (etwa aus "Verwaltung, Vermietung und Verkauf") meinen, wie auf dieser Seite beschrieben auftreten zu können. Und genau dann wird es Zeit für zivilen Ungehorsam.
Wehret den Anfängen.
















